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7. WILHELMWERK 1916-1920 |
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7. Künstlerischer Leiter des Ateliers Wilhelmwerk in Berlin (1916 - 1920) Das Konzept des Wilhelmwerks, anfangs war auch die Bezeichnung "Wilhelm-Presse" im Gespräch, war in Grundzügen Ende 1914 von Hinkefuß entworfen worden. Gemeinsam formulierten es Deffke und Hinkefuß aus:
[Das Wilhelmwerk sollte] die Verbindung von Künstler [Deffke] und Kaufmann [Hinkefuß] dar[stellen,] die in gemeinsamer Arbeit eine Druckerei erstehen lassen sollen die künstlerische Qualitätsware als Maschinenprodukt (zum Gegensatz Morris) erzeugt. Bau und anlage Maschinen also alles innere und äußere künstlerisch groß mit Rücksicht auf Kulturförderung. vorbildlich der ganzen Welt. als Fabrikmarke habe ich von vornherein die II verwendet sehen wollen da zum ersten Male sich zwei gegens. Naturen vereinigen um etwas Gemeinsames zu schaffen. Die Druckerei soll mit einem Bildverlag vereinigt werden der das neue Bild in Massen verbreitet. Deffke faßte die Sache begeistert auf und will sein ganzes Können in den Dienst der Sache stellen. Der Bau reiner Zweckbau in künstler. eindrucksvollster Form. Eigene Schrift von ihr wird ausgegangen. Mittel durch Bildvertrieb aufgebracht.(75) Am 15.9.1915 legte Deffke im Gespräch mit Hinkefuß dar, wie er die "geistigen Zusammenhänge des Wilhelmwerkers und des Fabrikzeichens II" definierte: "Zwillinge", "die Zeit Wilhelm des zweiten", "Die Zeit vor dem Krieg No 1 die Zeit nach dem Krieg die No 2", "1 das Wollen 2 das Können", "kurz die Wilhelm (II) Zeit", "Die Zweiheit Künstler u. Kaufmann", "zwei Gründer", "nur zwei können das geplante vollbringen", "2 Säulen", "Zwillingswerk hinsichtlich Geisteskinder stirbt eins folgt das andere".(76) Das Wilhelmwerk-Signet entwarf Deffke im Oktober/November 1915. Es wurde am 15.11.1915 beim Reichspatentamt von "Carl Ernst Hinkefuß ... Geschäftsbetrieb: Kunstwerkstätten" angemeldet und markierte den Beginn der gemeinsamen Arbeit im Wilhelmwerk (WVZ Nr.702). Das oben genannte neue Bild ging auf eine Idee Deffkes zurück, der beabsichtigte, für jedes Medium, in dem Text (Schrift) und Bild (Illustration) zusammengefügt sind, nicht nur den Text mit vorgefertigten Typen im Hand- oder Maschinensatz zu setzen, sondern auch das Bild aus sogenannten Normaltypen im Hand- oder Maschinensatz entstehen zu lassen.(77) Hinkefuß notierte ergänzend:
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Natürlich kommen nicht nur Buchillustrationen infrage, sondern Bilderdruck überhaupt jeder Maler kann seiner Eigenart entsprechend die Bilder für den Satz anlegen. Es ist daraus nicht nur die naturgetreueste Vervielfältigung zu erwarten Es sind vom quadratischen oder o Punkt ausgehenden für alles Gebaute (Häuser Schiffe Maschinen) dann für alles gewachsene (Natur) Normaltypen zu schaffen die zusammengesetzt das gewünschte Bild ergeben. Deffke spricht sich bei diesem Anlaß entschieden gegen unsere heutigen Schriftkünstler aus, die alle eine geschriebene Type zum Satz verwenden. Davon ist abzugehen und sich der gezeichneten zuzuwenden, die allein die Technik des Druckes (Stempelns) berücksichtigt.(78) Eine präzise, theoretische Formulierung des neuen Bildes oder eine praktische Erläuterung der technischen Umsetzung läßt sich nicht nachweisen.
Das Wilhelmwerk strebte als Grundsatz an, eine produktive Verbindung von Künstler und Kaufmann zu schaffen. Das Ziel war, unter bewußter Einbeziehung der Maschine in den Produktionsprozeß deutsche Qualitätsware herzustellen, die im Ausland anerkannt und Absatz finden würde. Die Überlegungen von Deffke und Hinkefuß bezogen sich auf Themen, die bereits seit einiger Zeit u.a. im Deutschen Werkbund e.V. kontrovers diskutiert wurden. Auf der Werkbund-Tagung in Köln, im Juli 1914, war eine programmatische Diskussion zwischen den Verfechtern eines künstlerischen Individualismus (stellvertretend Henry van de Velde) und den Befürwortern einer Typisierung zur Hebung des allgemeinen Qualitätsniveaus in Kunstgewerbe und Architektur (stellvertretend Hermann Muthesius) geführt worden.(79) Sie resultierte aus der Problematik, die sich aus der im Wandel befindlichen Definition des Verhältnisses von Künstler - Produkt - Industrie ergab: Die Forderungen, einerseits künstlerisch anspruchsvoll zu gestalten, andererseits qualitätsorientiert, unter Einsatz von Maschinen preisgünstig zu produzieren, ließ sich nicht ohne weiteres verwirklichen. Das Wilhelmwerk hatte sich für den Kompromiß entschieden, künstlerisch anspruchsvoll und dennoch die Erfordernisse industrieller Produktion berücksichtigend zu entwerfen. Dieser scheinbare Widerspruch löste sich dadurch auf, daß jene Form als künstlerisch anspruchsvoll angesehen wurde, die eine moderne industrielle Produktionsweise ermöglichte. Der oben zitierte Begriff "reiner Zweckbau in künstler. eindrucksvollster Form" bzw. die Idee des neuen Bildes weisen auf ein später programmatisch ausformuliertes Stilkonzept Deffkes hin, dessen wesentliche Aspekte sich wie folgt beschreiben lassen:
1. die Zweckmäßigkeit des Entwurfs bedingt eine formale Abstraktion bzw. Stilisierung der Darstellung; 2. der Versuch der Reduzierung der Darstellung auf elementare Formen, bzw. das Schaffen einer künstlerischen Form, die sich als Synthese elementarer Formen darstellt; 3. das Anstreben einer formalen Einheit von Text und Bild in der gebrauchsgraphischen Arbeit, bzw. das Anstreben einer formalen Einheit aller gestalterischen Elemente (Gebrauchsgraphik, Produktgestaltung, Verpackungen, Architektur etc.) überhaupt.
Diese Idee einer formalen Einheit in der gebrauchsgraphischen Gestaltung verschiedenster Werbemedien war nicht neu. Peter Behrens hatte sie bereits während seiner Tätigkeit für die AEG realisiert. Für Deffkes künstlerischen Stil bedeutete sie, weiterführend, eine Entwicklung zu einer formalen Abstraktion, der er eine besondere Zweckmäßigkeit im Hinblick auf den angestrebten Werbeerfolg zusprach. Dies wurde 1918 in einer weiter unten zitierten Werbeschrift des Wilhelmwerk präzisiert.
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Deffke bezeichnete das Wilhelmwerk als "Unternehmen für Werbeorganisation, Werbegraphik und Architektur" und sich als dessen künstlerischen Leiter.(80) Hinkefuß' organisatorische Tätigkeit, die in der Beschaffung von Aufträgen sowie Erlangung von Reputation der Wilhelmwerk-Entwurfsarbeit durch gesellschaftlich bedeutende Persönlichkeiten lag, ist durch einen umfangreichen Schriftwechsel zwischen dem Wilhelmwerk und Auftraggebern sowie z.Tl. bedeutenden Personen bzw. Institutionen aus den Bereichen Kunst, Wirtschaft und Politik dokumentiert.(81) Er vermittelt auf vielfältige Weise einen Einblick in die Arbeit des Wilhelmwerks im Spannungsfeld der sich oft mit den Erwartungen der Auftraggeber widersprechenden, künstlerischen und ökonomischen Ansprüche. Der Schwerpunkt der heute nachweisbaren Aufträge an das Wilhelmwerk fiel aufgrund des bis Ende 1918 andauernden Krieges in die Zeit von etwa 1918 bis 1920 und lag im Entwurf von Firmen-Signeten bzw. Produktmarken-Signeten.(82) Ursache hierfür war, daß das Wilhelmwerk im Signet das Basiselement einer erfolgreichen Firmenwerbung sah und dementsprechend versuchte, die Firmen zur Annahme ihres Werbekonzeptes zu bewegen. In der im Mai/Juni 1918 herausgegebenen programmatischen Werbeschrift "Handelsmarken und Fabrikzeichen" (WVZ Nr.681) schrieben Deffke und Hinkefuß im Kapitel "Form":
Größte Knappheit der Form, kraftvolle Schönheit und eigenartige Erfindung sind die zu erfüllenden Voraussetzungen für jede gute Handelsmarke. Nur so gestaltet, wird sie sich dem Beschauer augenblicklich und unauslöschlich einprägen, nur so wird sie die Bedingungen erfüllen, die ihre vielartige Verwendung fordert, und die Möglichkeit, sie in jedem Material zu formen. Erfordernis ist, sie in Stein zu hauen, in Marmor zu schneiden, in Eisen zu gießen und in Stahl zu schlagen, sie als Schablone für Kisten und Kasten zu benutzen und als Brandstempel für Fässer und Versandbehälter anderer Art usw. In gleicher Weise muß sie der Auszeichnung aller Erzeugnisse dienen, dazu dem Aufdruck der Geschäftspapiere und Werbedrucksachen. Als Reklamemarke soll sie ein selbstständiges Dasein führen und als Lackfluß Lieferwagen und Autos zieren. In großen Abmessungen und als winziger Stempel muß sie sich gleich wirkungsvoll und einprägsam darbieten. Daß sie dies nur vermag, wenn ihre Form einfach und überragend ist, im Gegensatz zu den noch vielfach benutzten ungeübten Monogrammen und Zeichnungen, ist fraglos.(83) Obwohl sich eine derart umfassende Umsetzung dieses Konzepts während der Wilhelmwerk-Zeit für keinen Auftraggeber nachweisen läßt, zeigen die Arbeiten für die Firmen Bogs & Voigt, Berlin (WVZ Nr.46-53), O .F. Schilsky, Berlin (WVZ Nr.543-573), Gustav Dorén, Hamburg (WVZ Nr.86-91), C. Dünnhaupt, Dessau (WVZ Nr.100-112), F. W. Puttendörfer, Berlin (WVZ Nr.353-361) sowie die Gestaltung der Geschäftspapiere des Wilhelmwerks (WVZ Nr.677-706) im Ansatz die Umsetzung des erwähnten Werbekonzepts. Während der auftragsreichen Zeitspanne von 1918 - 1920 nahm Deffke unter seinem Namen erfolgreich an einigen Wettbewerben teil, die seit Kriegsende wieder verstärkt von Wirtschaftsunternehmen und nicht mehr hauptsächlich von staatlichen Stellen unter kriegspolitischen Aspekten ausgelobt wurden (WVZ Nr.39-41, 351, 712, 713, 418, 420-422, 441, 603). Der im Sommer 1919 gewonnene 1. Preis beim Signet-Wettbewerb der Zigarettenfabrik B. Reemtsma & Söhne in Erfurt (WVZ Nr.418, 420-422, 441) war sogar mit dem Angebot verbunden, das gesamte Erscheinungsbild der Firmenwerbung neu zu gestalten. Dies eröffnete Deffke die Perspektive einer sicheren, eigenständigen Existenzgrundlage und scheint der Auslöser für die Anfang 1920 erfolgte Trennung von seinem Partner Carl Ernst Hinkefuß gewesen zu sein.(84)
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Anmerkung 75)
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