Sie sind hier: Wilhelm Deffke 9. 1925-1933  
 WILHELM DEFFKE
Inhalt
1.1. 1887-1901
1.2. 1901-1907
1.3. 1904-1907
2. 1907-1909
3. 1909-1910
4. 1910-1912
5. 1912-1914
6. 1914-1915
7. 1916-1920
8. 1920-1925
9. 1925-1933
10. 1933-1945
11. 1946-1950

9. MAGDEBURG 1925-1933
 

9. Direktor der Städtisch-Staatlichen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg (1925 - 1933)
Deffkes Berufung als Direktor der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg (16.10.1925) folgte am 19.10.1925 der offizielle Auftrag, die gesamte "künstlerische und architektonische Gestaltung" der Deutschen Theater-Ausstellung "Maske Magdeburg 1926" durchzuführen.(101)
Da die Theater-Ausstellung bereits vom 5.6.-1.8.1926 stattfinden sollte, war Deffke bis etwa Mitte März 1926, unter maßgeblicher Beteiligung von Hermann Eidenbenz und dem Architekten Reuss, hauptsächlich mit den vorbereitenden Arbeiten beschäftigt.(102) Am 22.3.1926 stellte Deffke seine Ausstellungsplanung öffentlich vor.(103) Gleichzeitig wurde allerdings auch deutlich, dass der vorgesehene Ausstellungstermin nicht zu halten war. Die von der Mitteldeutschen Ausstellungsgesellschaft, möglicherweise auch vom Magdeburger Hochbauamt initiierte Hinzuziehung des Architekten Professor Albinmüller, Darmstadt, als "Gutachter", führte schließlich dazu, dass Deffke aus dem Projekt ausschied. Gleichzeitig wurde die Ausstellung auf 1927 verschoben und Albinmüllers Ausstellungskonzept angenommen.(104) Ich vermute, dass die geringe Beteiligung des Magdeburger Hochbauamts bei Deffkes Planungen, Ursache der für Deffke unerfreulichen Entwicklung gewesen ist. Albinmüllers Ausstellungskonzept sah neben eigenen Bauten auch den Bau einer Stadthalle auf dem Ausstellungsgelände vor, den das Hochbauamt unter Leitung des Architekten Johannes Göderitz ausführen sollte.(105)
Nach Deffkes eigenen, später gemachten Angaben waren "einflussreiche reaktionäre bürgerliche Kreise Magdeburgs", wobei er speziell das Hochbauamt erwähnte, für die Kritik an seinem Ausstellungskonzept verantwortlich, die schließlich zu seinem Ausscheiden aus dem Projekt führten.(106) Eine von Deffke angestrengte Schadenersatzklage gegen den Magdeburger Magistrat endete zwar mit einem Vergleich zugunsten Deffkes, führte allerdings zu einer Missstimmung des Magistrats - namentlich des Oberbürgermeisters Beims - und "verschiedenen beteiligten Beamten der Stadt".(107)




 

Sie schwächte im weiteren Verlauf Deffkes Position als Direktor der Kunstgewerbeschule mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen für seine die Schule betreffende Arbeit und Planung. Erst mit dem nach Beims Tod um 1930 neu eingesetzten Oberbürgermeister Ernst Reuter verbesserte sich das Verhältnis zwischen Deffke und dem Magistrat. Der zu Beims Zeit von beiden Seiten aus eingeschränkte Kontakt hatte jedoch auch eine gewisse Eigendynamik Deffkes bei der im Folgenden beschriebenen Neuordnung der Kunstgewerbeschule ausgelöst. Auch der für die Umgestaltung - im Sinne von Deffke - notwendige Dialog zwischen Deffke und den wichtigen Magdeburger Innungs- und Handwerkerkreisen kam im Verlauf der Entwicklung nicht zustande. Daran änderte sich auch unter Reuter nichts. Die dadurch bedingte fehlende Unterstützung wichtiger Kreise sollte sich spätestens 1933 mit wachsendem Einfluss der Nationalsozialisten im Magdeburger Magistrat als folgenschwer erweisen.(108)

Deffke hatte seine Stelle als Direktor der Kunstgewerbeschule in einer relativ günstigen Umbruchphase angetreten, in der sich das für die preußischen Kunstgewerbeschulen zuständige Preußische Ministerium für Handel und Gewerbe um eine Neudefinition der Stellung bzw. Funktion der Kunstgewerbeschulen im Verhältnis zu den Akademien und Berufsschulen bemühte.(109) Dementsprechend war vorgesehen, an den Kunstgewerbeschulen Fachabteilungen mit festen Lehrplänen, mindestens dreijähriger Studiendauer und einer Abschlussprüfung einzurichten.(110)
Deffke konnte daher seine speziellen Vorstellungen artikulieren, wie der Unterricht in den im weitesten Sinne zum Fach Gebrauchsgrafik gehörenden grafischen und buchgewerblichen Bereichen strukturiert sein sollte, bzw., in welche Richtung allgemein der Unterricht an der Kunstgewerbeschule gehen sollte. Ein Hindernis ergab sich dabei durch die Tatsache, dass an der Magdeburger Kunstgewerbeschule seit längerer Zeit Lehrpersonal beschäftigt war, das nicht unbedingt die Voraussetzungen besaß, die Deffke für eine Umgestaltung in seinem Sinne erwartete.(111)
Lediglich der Leiter der Fachklasse für Gebrauchsgraphik, Johannes Molzahn, gehörte zu den Künstlern, die zeitgenössische abstrakte bzw. konstruktivistische Tendenzen der Kunst u.a. in ihrem gebrauchsgrafischen Schaffen verarbeiteten, bzw. diese Tendenzen selbst unmittelbar beeinflussten.(112) Allerdings war das Verhältnis zwischen Molzahn und Deffke "sehr schlecht". Eisold schrieb, wohl richtig vermutend, dass es

"sicher nicht nur auf beider unterschiedliche Arbeitsweise und -auffassung zurückzuführen war, sondern seine Ursache in tieferen programmatischen Differenzen hatte. Deffkes auf das Handwerk zielender Pragmatismus und Molzahns - bei aller Neigung zum Ingenieurhaften - spirituelle Grundhaltung schlossen einander weitgehend aus."(113)




 

Deffke konnte im späteren Verlauf Molzahn durch Walter Dexel ersetzen und andere wichtige Stellen ebenfalls neu besetzen.
Deffke unterrichtete vermutlich von Anfang an seine sechs Pflichtstunden in der seit 1924 ohne Fachleitung gebliebenen Fachklasse für Buchgewerbe, obgleich sich dieses erst konkret für 1927 nachweisen lässt. Zumindest hatte er sich um einen Neuaufbau dieser Fachklasse bemüht, indem er "mit Hilfe der Industrie und des Schulträgers ... Einrichtungen ... [beschaffte] ..., die zur Ausbildung in allen Zweigen des Buchgewerbes ausreich[t]en".( 114)
Im Sommer-Semester 1928 und Winter-Semester 1928/1929 erteilte Deffke zusammen mit Hermann Eidenbenz den vorbereitenden Unterricht "Schrift I" sowie den Fachunterricht "Buchgewerbe" in den Tagesklassen und den Unterricht "Schrift I" in den Abendklassen.(115)
Vom 30.9.1931 bis vermutlich zu seinem Ausscheiden aus der Kunstgewerbeschule unterrichtete Deffke im "Gestalten heraldischer und figuraler Grundelemente". Dabei standen ihm als Lehrassistenten W. Breker und C. J. Friedrich zur Seite.(116)
Am 16.2.1927 legte Deffke dem Magdeburger Magistrat respektive dem Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe sein weitreichendes Konzept zur Neuorganisation der Fachklasse für Buchgewerbe vor:

"Als ich im Herbst 1925 die Leitung der Kunstgewerbeschule übernommen hatte, erkannte ich alsbald, dass auf Grund der örtlichen Verhältnisse vornehmlich die buchgewerbliche Abteilung zur Miterfassung aller damit verwandten graphischen Berufszweige, also ihren wahren Belangen entsprechend, eines gründlichen inneren organischen Aufbaues bedürfte. Mein Bestreben ging dahin, die in einzelnen Klassen vorhandenen, in jeder Beziehung aber unzulänglichen Ansätze zu einer buchgewerblichen Abteilung technisch und räumlich zusammenzuschließen und wichtige fehlende Gruppen neu zu schaffen ... Die zur Verfügung stehenden Etatmittel reichten allerdings hierzu bei weitem nicht aus, aber dank einer hochherzigen Unterstützung durch die in Frage kommenden Maschinenindustrien wird diese Fachklasse bis zum Beginn des kommenden Sommersemesters eingerichtet sein und besteht dann aus folgenden in 10 zusammenhängenden Räumen untergebrachten Werkstattbetrieben mit 7 Fach resp. Hilfslehrern: Photographie Reproduktionsphotographie Chemigraphie Stereotypie Galvanoplastik Steindruck Schriftsetzerei Buchdruckerei mit Schnellpressenbetrieb Buchbinderei mit allen neuzeitlichen Maschinen Schriftklasse Heraldik Werbegraphik Werbelehre, sodass dann die durch die organische Ausgestaltung der Buchgewerbeabteilung die an eine technisch mustergültige Schulwerkstätte zu stellenden Anforderungen als einigermaßen erfüllt ausgesprochen werden können und die Anziehungskraft sicher eine weit höhere als bisher sein wird ... Vom formal künstlerischen Gesichtspunkt haftet der Abteilung bis jetzt ein besonders empfindlicher Mangel dadurch an, dass ihr der unentbehrliche geeignete Fachvorstand fehlt, der unter einheitlicher Leitung zu einer gedeihlichen weiterentwicklung [!] den künstlerischen Einschlag anzugeben hat...Ich habe die Absicht, vom 1.April d. Js. mit dem Termin der Einführung der festen Lehrpläne, die Gesamtleitung der Fachabteilung für Buchgewerbe, einschließlich Graphik und Werbelehre, zu übernehmen."(117)




 

Die Neuorganisation der buchgewerblichen Abteilung wurde zwar in dieser Form nicht genehmigt, jedoch am 3.12.1927 die Einrichtung von Fachklassen für Werbegraphiker, Dekorationsmaler und Innenarchitekten.(118) Vor allem in den Lehrplan der Fachklasse für Werbegraphiker bezog Deffke seine Konzeption so weit wie möglich ein:

"Lehrplan für Werbegraphiker.
Lehrziel: Gründliche Kenntnis der graphischen Techniken und Materialien und ihrer inneren Beziehungen zum modernen Werbewesen und damit zum werkgerechten Gestalten. Ausreichende Kenntnisse in der Geschäftskunde, Staatsbürgerkunde und Gesetzeskunde.
Lehrstoff: Lineares-, Geometrisches-, Perspektivisches- und Projektionszeichnen, Naturstudium, Gegenständliches Zeichnen, Figürliches Zeichnen, Gestaltungsübungen, Schrift, Werbegraphik, Hochdruck, Flachdruck, Tiefdruck, Photographie, Chemigraphie, Werbelehre, fachliche Materialien-, Werkzeug- und Maschinenlehre, geschäftlicher Briefverkehr, Buchführung, Merkmale der auf die Gewinnerzielung gerichteten Kalkulation, Staatsbürgerkunde, Gesetzeskunde unter Berücksichtigung der heute besonders notwendigen Kenntnisse in der steuerlichen Gesetzgebung ... Dauer der Ausbildung 3 Jahre."(119)

Dem Auf- bzw. Ausbau der Fachklasse für Werbegraphiker galt Deffkes Hauptinteresse. Diese Fachklasse mit einem fachlich breit gefächerten Lehrplan, der einen gewissen Schwerpunkt in den Bereichen Materialkunde sowie grafische Techniken besaß, sollte als Endziel zu einer Lehrlingsfachschule - mit Erweiterung zu einer Meisterschule - zur "praktischen Betätigung aller berufstätigen Handwerker im Unterricht" ausgebaut werden.(120) Dieses Ziel scheint, nach Deffkes Angabe, 1931 erreicht worden zu sein:

"Die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule zu Magdeburg gliedert sich ihrer Organisation nach in folgende Fachschul-Gruppen:
I. Eine graphische Fachschule
II. Eine Werbe-Fachschule (in Vorbereitung)
III. Eine Bau- und Ausbau-Fachschule (im Ausbau)IV. Eine Bekleidungs-Fachschule (im Ausbau).
Der Unterrichtsplan in jeder Fachschule sieht vor: ... Pflichtmäßigen Lehrlings- Unterricht, wahlfreien Gehilfen-Tages- und Abend-Unterricht, wahlfreie Meisterkurse.
Die graphische Fachschule umfaßt folgende Berufsgruppen: Bildphotographen, Reproduktionsphotographen, Retuscheure, Chemigraphen, Stempelschneider, Graveure, Photolithographen, Lithographen, Steingraveure, Steindrucker, Offsetdrucker, Lichtdrucker, Kupfer- und Tiefdrucker, Handsetzer, Maschinensetzer, Rund- und Flachstereotypeure, Xylographen, Galvanoplastiker, Buchdrucker, Buchbinder und graphische Zeichner ... Ihrer technischen Ausrüstung nach zählt sie schon heute nach 4 jähriger Aufbau-Arbeit zu den besteingerichteten Lehrbetrieben Deutschlands."(121)

Die Brisanz von Deffkes Konzeption lag darin, dass sie durch Lehrinhalte und pflichtmäßigen Lehrlingsunterricht die Kunstgewerbeschule in unmittelbare Konkurrenz zur Berufsschule sowie als Lehrbetrieb zu den traditionell Lehrlinge ausbildenden Handwerksbetrieben stellte. Eine Ablehnung von Deffkes Konzeption durch einen Teil der betreffenden Stellen war die Folge.(122) Seine Zielvorstellung, die Akzente mehr auf eine handwerklich-technische Grundausbildung - unter Benutzung modernster Maschinen - zu setzen, statt eine traditionell zum Aufgabenbereich einer Kunstgewerbeschule gehörende, künstlerische Zusatzausbildung zur praktischen Lehrausbildung anzubieten, zeigte sich auch in einem von ihm 1929/1930 veröffentlichten, programmatischen Aufsatz:

"Die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule gegründet 1793 als Provinzial-Zeichenschule für Handwerker, eine der ältesten und bedeutungsvollsten gewerblichen Unterrichtsanstalten Preussens, befindet sich seit 1926 im Zustand grundlegender Umstellung. Die früheren Versuche in Handwerk und Gewerbe durch den ihnen wesensfremden dekorativen Entwurf Kunst hineinzutragen, endeten im "Kunstgewerbe". Im heutigen Wirtschaftsmechanismus hat der nur ästhetisch-formal gerichtete "Entwerfer" keine Daseinsberechtigung mehr. Diese Erkenntnis führt zwangsläufig zur Umgestaltung der früheren Atelier-Schulen in eine berufliche Fachschule mit rein praktisch-sachlicher Funktion: Lehrprinzip[:] gestaltende Durchdringung der vielfältigen beruflichen Gebundenheiten mit technischem Können und Wissen. Lehrinhalt[:] exakt-sachliches Werkzeichnen, gründliche Werkstattarbeit, eng verbunden mit Vertiefung des Wissens um die funktionellen, stofflichen, technischen und wirtschaftlichen Bindungen und ihre inneren Beziehungen zum Werkganzen. Lehrkräfte[:] Werkmeister aus der Praxis, wissenschaftlich geschulte Technologen und Wirtschaftler und für jede Fachabteilung ein richtungsweisender Führer mit eigener Praxis, angestellt auf Zeitvertrag. Gast-Kurse von Fach-Autoritäten. Lehrmethode eingestellt auf Berufstätige mit durchschnittlicher Befähigung. Fachschul-System mit festen Lehrplänen. Produktive Arbeitsweise wie in Berufs-Werkstätten. Staatliche Abschlussprüfung. Lehrziel[:] der mit umfassendem beruflichen Rüstzeug für den Existenzkampf ausgestattete Qualitätsarbeiter und Werkgestalter."(123)




 

Inwieweit der Unterricht an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg diesem Anspruch gerecht wurde, lässt sich nur vermuten; die technische Ausrüstung scheint sehr gut gewesen zu sein.(124) Das Lehrpersonal betreffend, hatte Deffke mit Walter Dexel (Gebrauchsgraphik-, kunst- u. kulturgeschichtlicher Unterricht), der 1928 Molzahn ersetzte, Hermann Eidenbenz (Schrift- u. Buchgewerbe-Unterricht), Julius Klinger (Lehrer für das Gestalten heraldischer und figuraler Grundelemente), Johannes Graf (Reproduktionstechnik), Walter Breker (Lehrer für das Gestalten heraldischer Grundelemente) und Peter Grossmann (Innenarchitektur) erfahrene Künstler um sich versammelt.(125)

Deffke war vertraglich zugestanden worden, neben seinen dienstlichen Verpflichtungen als Direktor "freier künstlerischer Betätigung nachzugehen ... [, vorausgesetzt] ... dass das Interesse der Schule nicht beeinträchtigt wird".(126) Im Anschluss an die 1925/1926 ausgeführten Arbeiten für die bereits erwähnte Deutsche Theater-Ausstellung "Maske Magdeburg 1926" (WVZ Nr.289-293) nahm er 1927 erfolgreich an einem Architektur-Wettbewerb zum Neubau der Hauptfeuerwache und eines Verwaltungsgebäudes der Stadt Breslau teil. Deffkes preisgekrönter Entwurf wurde allerdings nicht ausgeführt (WVZ Nr.57).
Parallel dazu entstanden zwischen 1927 und 1931 verschiedene Drucksachen für die Kunstgewerbeschule und den Magdeburger Magistrat (WVZ Nr.273, 275-284).
Zwei weitere wichtige Aufträge kamen 1929/1930 von der Firma Manoli, Berlin (WVZ Nr.303-318) und 1930/1931 von der Stadtverwaltung Wuppertal, die Deffke zur Vorlage von Entwürfen für ein neues Stadtwappen sowie diverse städtische Drucksachen aufgefordert hatte (WVZ Nr. 719-840; spez. 746-748). Da Deffkes Entwürfe wegen ihrer abstrakten Form in weiten Kreisen auf Ablehnung stießen, entschied sich die Stadtverwaltung für einen traditionellen ornamentalen Wappen-Entwurf eines anderen Künstlers.(127)
Seit 1929 widmete Deffke sich seinem umfassenden Projekt, der sogenannten 'Grammatik der Formensprache', das den Versuch der systematischen Erfassung der Formen-Sprache (Bild-Sprache) von Natur und Kunst darstellte (WVZ Nr.64). Eine Studienreise im Herbst 1929 nach "Italien, Österreich und Ungarn zur Aufnahme klassischer Schriftdenkmäler für die Schulsammlung und für die Bearbeitung des Teiles 'Der Grundbuchstabe' der Grammatik der Formensprache" bildete hierfür den Auftakt.(128)

Bedingt durch den Erfolg der Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl am 5.3.1933 wurde in der Phase der "Machtergreifung" Anfang 1933 der damalige SPD-Oberbürgermeister Magdeburgs, Ernst Reuter, durch den kommissarischen NSDAP-Oberbürgermeister Marckmann ersetzt. Marckmann beurlaubte Deffke am 30.4.1933 eigenmächtig, ohne sich mit dem zuständigen Ministerium abzusprechen.(129) Marckmann war vorher "Syndikus des Innungsausschusses zu Magdeburg" gewesen und gehörte offensichtlich zu den Kreisen, die seit längerem Deffkes Wirken an der Kunstgewerbeschule sehr kritisch gegenüberstanden.(130) Ohne im Detail auf die zahlreichen Vorwürfe einzugehen, die Deffke zur Last gelegt wurden und seine Absetzung als Direktor rechtfertigen sollten, seien im Folgenden die wesentlichen Kritikpunkte der Gegner Deffkes zitiert:

"Eine weitere Verwendung des Direktor Deffke als Leiter der hiesigen Kunst- und Gewerbeschule dürfte der Stadt ganz ausserordentliche Schwierigkeiten bereiten. Deffke ist nur Künstler, ist weder Pädagoge, noch besitzt er die Eignung, sein Amt der Stadt gegenüber verwaltungsmässig einwandfrei zu führen. Der für die Schule aufgestellte Etat besitzt für Deffke nur eine sekundäre Bedeutung. Die Klagen und Feststellungen der Finanzverwaltung und des Rechnungsprüfungsamtes beweisen unzweideutig die Richtigkeit der unzulänglichen und teilweise korrupten Geschäftsführung des Deffke. Als Reklamefachmann lehnt Deffke es ab, den Begriff Kunst, soweit letztere für die Ausbildung der Schüler in den Berufsfachklassen zweckmässig und teilweise unerlässlich ist, als schulische Notwendigkeit anzuerkennen. Ein weiteres charakteristisches Merkmal Deffkes ist sein anmassendes [!] Wesen. Schroff und unduldsam, beleidigt er Lehrer und Schüler. Vollkommen unzulänglich im Verkehr mit interessierten Kreisen lässt Deffke nur seine eigene Auffassung gelten. Die Innungen und die Handelskammer lehnen Deffke restlos ab. Sie stehen zu ihm in schärfster Opposition. Verschiedene Handwerksgruppen haben es vorgezogen, eigene Berufsschulen aufzuziehen."(131)

Zu den im Zitat erwähnten "interessierten Kreise[n]" gehörte die Industrie- und Handelskammer, der Verein der bildenden Künstler und Kunstfreunde Magdeburgs e.V. "Börde", der Kunstverein zu Magdeburg e.V., der Magdeburger Verein für Deutsche Werkkunst e.V. sowie die Handwerkskammer Magdeburg, die sich in einem gemeinsamen Schreiben vom 5.4.1933 an Marckmann indirekt für eine Absetzung Deffkes aussprachen.(132) Ihrer Meinung nach wurde von Deffke

"schroff die Pflege jeglicher Überlieferung abgelehnt, die Materie in den Vordergrund gerückt, und einseitig die Maschinenleistung über die Handwerksarbeit und über die persönliche Gestaltung gestellt, deren Lehre und Pflege vornehmste Aufgabe einer Bildungsstätte sein muß, in der der Nachwuchs des Handwerks seine Weiterbildung erfährt."(133)

Deffkes Konzept der Umgestaltung der Kunstgewerbeschule war demnach von diesen maßgeblichen Kreisen nicht angenommen worden. Der notwendige Dialog, der die zutage tretende, inhaltliche Ablehnung des Konzepts durch jene Kreise konstruktiv für die Neuordnung der Kunstgewerbeschule hätte mit einbeziehen können, war nicht zustande gekommen; beiderseitiges Konkurrenzdenken verschärfte die Situation. Dieses waren meiner Meinung nach die Hauptursachen für die Ablehnung. Fraglich bleibt jedoch auch, inwieweit überhaupt ein Dialog, bei den unterschiedlichen Auffassungen über die Aufgabe der Kunstgewerbeschule, möglich gewesen wäre.
Am 29.5.1933 legte Deffke in einem Schreiben an den Amtsrat Lossau im Preußischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit ausführlich seine Sichtweise der ihm vorgeworfenen Vorgänge dar.(134) Der dabei von ihm aus Verärgerung über seine Beurlaubung bzw. faktische Absetzung ausgedrückte Zynismus gegenüber den oben erwähnten Institutionen wurde von Marckmann später als Bestätigung einiger seiner Vorwürfe bezüglich Deffkes Amtsführung angeführt.
Deffke war eigenen Angaben nach vermutlich im Mai 1933, auf jeden Fall nach seiner Beurlaubung als Direktor, in die NSDAP eingetreten, um auf politischer Ebene einen für ihn günstigen Umschwung in der Angelegenheit zu erreichen. (135) Dies gelang ihm nicht. Im September 1933 waren die entsprechenden Stellen aufgefordert worden, ihren Standpunkt zur beabsichtigten Entlassung zu formulieren. Der für den Regierungsbezirk Magdeburg zuständige Gauleiter vermerkte knapp: "nicht interessiert an Deffke" und plädierte, wie auch der Schulträger und der Regierungspräsident, für eine Versetzung in den Ruhestand.(136) Diese erfolgte mit Wirkung von Ende Juni 1934 nach § 6, Absatz 1 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.(137)




Anmerkung 101)